"Wenn ich einmal groß bin, will ich eine richtige Bibliothek haben."

Im Gedenken an Barbara Achilles (1946–2010)

"Wenn ich einmal groß bin, will ich eine richtige Bibliothek haben." Was sie sich darunter denn vorstelle – diese Nachfrage ihrer Mutter konnte Barbara Achilles, die damals gerade lesen gelernt hatte, noch nicht beantworten. Aber in den folgenden Jahren scheint sie sich eine immer genauere Vorstellung davon gemacht zu haben: Zunächst wurden Unmengen Bücher auf Flohmärkten, Bücherbasaren und zunehmend auch in Antiquariaten gekauft. Irgendwann, etwa im Alter von fünfzehn Jahren, bemerkte Barbara Achilles in einem Buch eine handschriftliche Nummerierung: »Sieh mal, hier steht eine Nummer drin, das muss etwas Besonderes sein!« Auch so etwas kann die Initialzündung sein, die am Anfang vieler Sammlungen steht.

Mutter und Tochter lebten damals allein zusammen, Barbara hatte es sich zur Aufgabe gemacht, ihrer Mutter nach dem frühen Tod des Vaters zur Seite zu stehen, im Privaten wie bei der Leitung der übernommenen Metallwarenfabrik in Hamburg-Wandsbek. Als Ausgleich zu dem häufig nüchternen und zugleich nervenaufreibenden Geschäftsalltag begannen die beiden abends in Auktions- und Antiquariatskatalogen zu lesen. Die Vorbesichtigungen bei Hauswedell & Nolte und F. Dörling, bald aber auch bei den auswärtigen Häusern wie Hartung, Zisska und Reiss weckten Begehrlichkeiten und ließen bald ein Sammlungskonzept entstehen: Pressendrucke des 20. Jahrhunderts, illustrierte Bücher und auserlesene Einbände – danach wurde gesucht, darauf wurde geboten. Ich erinnere mich gut an Auktionen, in denen die beiden Damen pünktlich zu den entsprechenden Abteilungen erschienen, engagiert boten und nach Zuschlag des letzten von ihnen angestrebten Buches den Saal wieder verließen, einmal gar mit der Frage an den Auktionator: »Können wir es gleich mitnehmen?«. Wohlwollend wurde der Mitarbeiter angewiesen, das eben noch dem Publikum präsentierte Buch nicht zurück ins Regal zu stellen, sondern es direkt den Sammlerinnen zu reichen.

Im Sommer 2010 erhielten wir die Nachricht vom unerwartet frühen Tod von Barbara Achilles. Ihr Besuch in unserer ersten Auktion war zugleich der letzte gemeinsame von Mutter und Tochter und die hier unter Katalognummer 427 verzeichnete Ausgabe von Heinrich Bölls »Du fährst zu oft nach Heidelberg« mit den Radierungen von Pravoslav Sovak nach Aussage von Edith Achilles der letzte Auktionskauf von Barbara Achilles überhaupt.

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